Wandern II, Alpen, Deutschland

Wir sind wieder auf dem Weg in die Berge ins Wettersteingebirge. In Hammersbach bei Garmisch starten wir, ein Jahr nach dem ersten Bergabenteuer, unsere zweite Alpenwanderung. Auf dem Weg dorthin regnet es gelegentlich und es ist sehr bewölkt. Je näher wir mit dem Auto zu unserem Ausgangspunkt kommen, desto schlechter wird das Wetter. Trotzdem, ich bin entspannt und freue mich auf die Herausforderung der nächsten geplanten sieben Tage. Auch dieses Mal habe ich mich nicht auf die Tour vorbereitet, dennoch fühle ich mich fit genug für unseren Plan, da ich darauf vertraue das Ganze ja schon einmal gemacht zu haben. Ich bin überzeugt, dass ich weiß, was auf uns zukommt und dass wir den Trip meistern können. Leider, leider habe ich mich da gewaltig getäuscht.

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In Hammersbach angekommen nieselt es immer noch. Kein Problem: Regenjacke an und los geht’s. Wir machen uns auf den Weg zur Höllentalklamm, einem bekannten gebührenpflichtigen Weg mitten zwischen hohen Felswänden. Inzwischen nieselt es nicht mehr, sondern es regnet. Kurz vor der Höllentalklamm machen wir eine kurze Pause. Ich habe Gänsehaut, mir wird kalt, und ich möchte schnell weiter, damit mir wieder warm wird. Auf der kommenden Wegstrecke sind zwar Wasserfälle angezeigt, aber heute scheint es besonders viele Wasserfälle zu geben, durch die wir einfach durchlaufen müssen. Das Regenwasser fließt in Bächen den Berg hinunter. Wir sind jetzt klitschnass.

Mit höchster Konzentration laufen wir die steinigen Stufen immer weiter den Berg hoch. Halte ich an, friere ich. Deswegen laufe ich immer weiter. Bei der Höllentallangerhütte endet unser Weg plötzlich. Der nächste Teil der Strecke ist gesperrt, da die Hütte umgebaut wird. Wir müssen also um die Absperrung herum, um die richtige Abzweigung nehmen zu können. Die Beschilderung ist nicht eindeutig und wir entscheiden uns für die uns am sinnvollersten erscheinende Möglichkeit. Wir sind uns alle einig.

Es regnet immer stärker

Alpen IIDas Wetter bleibt schlecht. Wir laufen und laufen. Mittlerweile ist es fortgeschrittener Nachmittag. Ein Riesen-Berg vor uns und keine Hütte in Sicht. Aber das kenne ich. Die Hütten tauchen oft aus dem Nichts auf. Sie liegen versteckt hinter einer Bergspitze oder hinter einer Biegung. Doch hier geht es geradeaus. Nur ein riesiger, steiler, steiniger Berg vor uns. Müssen wir da hoch? Ja. Es gibt keine Alternativroute und ein Zurück erscheint riskant, da wir das nicht im Hellen schaffen würden. Nach kurzer Zeit stellen wir fest, dass der Weg, auf dem wir uns befinden, kein Wanderweg ist, sondern ein Kletterstieg. Wir müssen falsch sein. Aber wie kann das sein, es kann nicht sein! Es muss demnächst eine Hütte geben. In der Hoffnung, bald auf ein Haus und Menschen zu treffen, kämpfen wir uns den Weg hoch. Ab und zu sind Stahlseile im Berg befestigt. Daran können wir uns zumindest manchmal festhalten.

Plötzlich bekomme ich Panik. Ich habe nach unten geschaut und realisiert, dass das, was wir gerade tun, verdammt gefährlich ist. Wir alle ahnen es, doch wir können nichts anderes tun als weitermachen. Immer wieder denke ich, wir müssen gleich ankommen. Doch nach jedem erklommenem Bergstück folgt ein weiteres. Es scheint weiter bis zur Hütte als angenommen. Falls es dort überhaupt noch eine Hütte gibt. Zweifel machen sich breit. Wir kommen an einem kleinen Kreuz vorbei. Hier ist also schon jemand gestorben. Beunruhigend..

Aus Panik wird Verzweiflung

Einer von uns läuft ein Stück vor und bestätigt, es ist kein Ende in Sicht. Wir sind jetzt wirklich verzweifelt, auch weil kein Handy mehr funktioniert. Sonst gab es immer wieder Netz, aber jetzt nicht. Wir halten mitten auf diesem Pfad an und überlegen, was zu tun ist. Zitternd ziehe meine nassen Sachen aus und eine lange trockene Hose an.

Zum Glück hat ein Handy wieder Netzverbindung. Es bleibt uns nichts anderes mehr übrig, wir rufen die Bergwacht an, um uns zu orientieren. Es würde keine Hütte mehr kommen, wir sind falsch und müssen zurück, ist deren Antwort. Das Wetter ist zu schlecht, um uns mit dem Helikopter abzuholen. Wir müssen den gesamten Weg zu Fuß zurück gehen und das bei Dunkelheit. Wir können das unmöglich allein schaffen. Es werden vier Männer der Bergwacht kommen, um uns zu begleiten. Wir sollen ruhig bleiben und wenn es geht, schon den Rückweg beginnen.

Wir müssen zurück – im Dunkeln

Wie, um alles in der Welt, kommen wir diesen Berg wieder runter? Einmal ausrutschen und ich bin in kürzester Zeit unten. Dass ich dann noch lebendig bin, ist eher unwahrscheinlich. So setze ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Manchmal gehe ich rückwärts, wenn es zu steil ist. Schließlich haben wir tatsächlich das schlimmste Stück des Abstieges geschafft. Eigentlich haben wir keine Kraft mehr, aber sind voller Adrenalin. Weiter geht’s. Mindestens sechs Stunden liegen noch vor uns. Nach ungefähr zweieinhalb Stunden sehen wir die Bergretter. Vier junge Männer mit ordentlicher Ausrüstung. Sie leiten uns den Weg zurück. Jeder von uns bekommt eine Kopfleuchte und die Bergführer haben noch extra große Taschenlampen mit, so dass wir wenigstens sehen können, wo wir gehen. Allergrößte Konzentration ist angesagt. Ich reiße mich zusammen. Nicht ausrutschen. Nicht erschrecken vor nachtaktiven Tieren.

endlich..

Schließlich kommen wir wieder in die Zivilisation und das letzte Teilstück können wir mit einem Auto zurücklegen. Es gibt heißen Tee. Mir erscheint alles wie ein Film. Um ein Uhr in der Nacht erreichen wir schließlich wieder unseren Ausgangsort. Und nun? Wir haben kein Zimmer und die Unterkünfte sind ausgebucht. Jemand von der Bergwacht ist so nett und nimmt uns auf. Wir sind unendlich dankbar. Ich dusche schnell und dann geht’s schlafen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück analysieren wir die ganze Situation mit den Leuten von der Bergwacht. Sollen wir noch einmal starten? Das Wetter ist und bleibt zu schlecht, um weiter zu machen und so sind wir vernünftig und beschließen das Ende dieses Abenteuers. Verwirrt und k.o., aber auch unglaublich dankbar und glücklich, fahren wir mit dem Bus zu unserem Auto.

Es geht nach Hause.

 

4 Kommentare

  1. ..da leben Erinnerungen auf !
    Da ist ist sie: die mit voller Vorfreude, lang ersehnte Reise mit einem unvorhersehbaren und leider recht schnellen Ende.
    Deine Beschreibung ist toll 🙂
    Der Regen, der von den Bergen nur noch in Form von Wasserfällen herunterkommt, die Kälte und die Hoffnung auf die rettende Hütte sind ein Abbild von dem, was wir tatsächlich erlebt haben. Wir haben nicht nur die Alpenspitze erklummen, sondern sind dabei auch über unsere eigenen Grenzen gegangen.
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir nach den roten Punkten an den Felswänden gesucht haben.. es musste einfach immer weiter gehen.. weiter und weiter nach oben. Umzukehren war keine Option. Gestartet mit Freude, einem Gefühl von Freiheit , Ergeiz, Spaß und Hoffnung verläuft sich alles in Angst und erscheint auf einmal nur noch aussichtslos.
    Dennoch blicke ich gerne auf dieses einzigartige Abenteuer zurück. Es war wohl der längst Tag in meinem Leben!

    Ganz liebe Grüße :*

    • Ohjaa… ein Tag, den wir niemals vergessen werden… Unglaublich, wie ein Tag noch immer so präsent sein kann und ja, wie er uns dermaßen lang vorkommt. Ich erinnere mich an alles als wäre es gestern. Besonders an das mulmige Gefühl, dass auf einmal aufkam… Eigentlich sollten wir die gleiche Route irgendwann noch einmal ausprobieren, dann aber bei besserem Wetter 🙂 Danke liebe Marina! :*

  2. Da hast du ja eine spannende Tour hinter dir. Glücklicherweise ist alles gut gegangen. Spannend zu lesen.
    Woher hast du eigendlich die Abenteuer-gene?????
    Viele liebe Grüße, Doro

    • Danke liebe Doro 🙂 Ja, es war tatsächlich die allerbeste Entscheidung die Bergwacht zu rufen!
      Hahaha vielleicht von meinen lieben Eltern?! 🙂 Ich hoffe meine Mum kommt auch nochmal mit auf eine Alpentour, jetzt bin ich ja auch vieles vorbereitet.
      Liebste Grüße an Euch!!!
      xxx Johanna

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